Kapitel 40 – Butzelmänner in den Alpen

An einem Wochenende Anfang April war es soweit. Das Team der Butzelmänner machte sich reisefertig zum Auswärtsspiel. Magister Greifenklau und Magister Rembrandt würden die Mannschaft begleiten. Normalerweise war es üblich mit dem Besen zur jeweiligen Partnerschule zu fliegen, aber da die Strecke in die Alpen doch sehr lang war, hatte Magister Klotterbeck ein Portkey vorbereitet, dass die Butzelmänner und begleitende Lehrer in die Alpenschule Gemsenkluft bringen würde.
Für alle übrigen Schüler und Lehrer wurde das Spiel im Magischen Zauberfunk übertragen, dessen Empfangsgerät im Speisesaal stand und zu diesen Anlässen aktiviert wurde.
Im Innenhof standen die Butzelmänner. Diesmal nicht in ihren gewohnten Teamfarben, sondern in ihren Quidditch-Schulroben: in weiß und violett. Rabanus Reichard, der Teamchef und Seeker, Gideon Graf und Klarabella Kobold, die Beater, Titanus Güldenstern, Ludmilla Mevius und Romy Recht, die Chaser sowie Heiderose Haller, die Keeperin.
Drum herum standen ihre Freunde und riefen ihnen gute Wünsche zu. Dann kam Magister Klotterbeck mit einem Fahnenstock, an dem als Wimpel der weiße Runholter Rabe auf violettem Grund wehte. Das Team stellte sich um den Fahnenstock und fasste sich an den Händen.
Marygold und Evelyn sahen sich an – sie wussten jetzt, was die Butzelmänner erwartete. Im nächsten Moment war die Gruppe einfach aus dem Innenhof verschwunden. Die Zuschauer zerstreuten sich. Um in den Speisesaal zu gehen, war es noch zu früh. Das Spiel würde erst in zwei Stunden beginnen.
„Lasst uns doch zum Strand gehen“, schlug Cornelius vor und Tizian, Evelyn und Marygold stimmten begeistert zu.
„Vielleicht sehen wir Dünenelfen!“, meinte Evelyn, die darüber in einem Buch gelesen hatte. „Sie kommen jetzt aus ihren Winterschlafhöhlen.“
„Ich dachte, das wäre nachts?“, Marygold klang skeptisch.
„Nachts tanzen sie nur“, informierte Evelyn die anderen. „Tagsüber suchen sie Nahrung und streifen die alte Haut ab.“
„Na dann mal los!“, grinste Tizian und alle vier rannten den schmalen Weg hinunter durch die Dünen. Am Strand pfiff ein kalter Wind und trieb trockenen, feinen Sand über das Watt, das vor ihnen lag.
Doch auch trotz genauer Suche konnten sie keine Dünenelfen entdecken. Evelyn fand zwar ein kleines Loch zwischen zwei Büscheln Dünengras und behauptete steif und fest, das sei eine bereits verlassene Winterhöhle – aber falls dem so war, waren die betreffenden Elfen bereits über alle Berge. Oder Dünen.
Verfroren gingen sie wieder zurück zur Schule, um sich bei Tee und Gebäck aufzuwärmen und die Übertragung des Spiels zu hören.
Im Speisesaal trafen sie auf Ambrosia, die in der Bibliothek gelesen hatte und auf die Zwillinge, die im Gemeinschaftsraum Zauberschach gespielt hatten. Alle Fünftklässler setzten sich an einen gemeinsamen Tisch und warteten gespannt.
Noch während alle ihren Tee nippten und ihre Kuchenteller leerten, ging Magister Klotterbeck hinüber zu einem alten friesischen Bauernschrank, öffnete die Türen und tippte mit dem Zauberstab an das Gerät, das darin stand. Es sah aus, wie ein altertümliches Radio. Zunächst rauschte und knarzte es nur, doch nach ein paar weiteren Stuppsern mit dem Zauberstab erklang eine ziemlich schnelle Melodie. Dazu sang ein Pärchen im Duett.
„Cool“, meinte Cornelius, „das sind die Besenbrüder.“
„Die Besenbrüder?“, fragte Marygold irritiert, „aber das eine ist eindeutig eine Frauenstimme!“
„Ja, klar“, Cornelius schüttelte scherzhaft den Kopf. „Die heißen doch nur so. Das ist eine Musikgruppe.“
„Ach so.“ Marygold sah zu Evelyn, doch die zuckte auch nur mit den Schultern und hörte davon offenbar zum ersten Mal.
Tizian summte mit und trommelte den Takt mit seinen Fingern auf der Tischkannte. „Kessel-Kessel-Kessel-Kessel: WUMM!“, sang er mit und grinste dann in die Runde. „Ich mag das Lied.“
Ambrosia verdrehte nur die Augen – sie konnte den „Besenbrüdern“ offenbar nichts abgewinnen.
Dann war das Lied zu ende und stattdessen erklang die Stimme einer Hexe, die sich als Mothild Heidschnuck vorstellte und das Spiel moderieren würde. Willibald Dingeldein von der Schule für Hexenkunst und Zauberei Odenwald war der Schiedsrichter. Und dann begann das Spiel.
„Sie sind in der Luft!“, erklang die Stimme von Mothild Heidschnuck. „Chaser Otto Croll passt zu Jannis Faust, dieser passt zu Pantaleon Pumpernickel. Sie sind kurz vor dem gegnerischen Tor, Pumpernickel passt zurück zu Faust, dieser wirft und TOR! – das ging schnell. Keeper Heiderose Haller hat sich leider für das falsche Tor entschieden. Die Rungholter Beater scheinen auch noch nicht ganz angekommen zu sein. Gerade hat Gideon Graf einen Bludger weit ins Aus geschossen, ohne auch nur in die Nähe eines anderen Spielers zu kommen…“
Die Fünftklässler sahen sich betreten an. Dass die Butzelmänner nicht die besten Mannschaft waren, das war ihnen klar gewesen. Aber dass das so eine Blamage werden würde…
„Und wieder hält Jeronimus Heidenberg den Quaffle und wirft ihn hinüber zu Croll, dieser passt zu Faust. Ein Bludger hat Titanus Güldenstern getroffen, er gerat ins Trudeln, jetzt hat er sich wieder gefangen. TOR! – für die Alpenschule Gemsenkluft. Seeker Rabanus Reichard von Rungholt im Sturzflug. Hat er den Snitch gesehen? Ich kann kein Glitzern sehen. Im letzten Moment zieht er hoch, ein wenig zu früh, um als Wronski Feint durchzugehen. Seeker Korbinian Kunckel von Löwenstern kreist über dem Spielfeld, er scheint gänzlich unbeeindruckt – hat Reichard die Sichtung nur vorgetäuscht? Die Chaser der Alpenschule Gemsenkluft sind bereits wieder in Angriffsformation. Ein Bludger fliegt auf sie zu, geschlagen von Klarabella Kobold. Ah-ja. Fast hätte er Croll getroffen, doch dieser weicht geschickt aus. Reichard im Sturzflug – schon wieder? Pumpernickel wirft und noch ein Tor für die Alpenschule Gemsenkluft. Es steht mittlerweile 30:0, doch noch ist alles offen…“
„Wer’s glaubt…“, murmelte Cornelius und stopfte sich einen großen Schokoladenkeks in den Mund.
„Wenn Rabanus Reichard genügend Anstand im Leib hat, dann tritt er für nächstes Jahr als Teamkapitän zurück!“ Tizian klang sowohl wütend, als auch enttäuscht. „Das ist sowas von peinlich, was die da abliefern…“
„Und es wird nicht besser werden…“, Ambrosia leerte ihre Teetasse und stellte sie zurück auf den Tisch. „Gegen die Hexenschule Fichtelgebirge wird das ganz genauso laufen, glaubt mir das.“
„Ich geb dir ungern Recht, aber das stimmt wohl!“ Dankrad zerkleinerte mit seiner Gabel den Sandkuchen auf seinem Teller. Dankward nickte. „Ja, die Spielerinnen aus dem Fichtelgebirge werden fast alle Profispieler nach der Schulzeit.“
„Aber das ist doch total ungerecht!“, Marygold konnte es nicht fassen. „Das macht doch gar keinen Sinn, wenn die Teams so gar nicht vergleichbar sind!“
Tizian lachte auf. „Na – es stünde ja jedem frei, das Training so aufzuziehen wie Gemsenkluft und Fichtelgebirge. Aber warst du es nicht, die meinte, das würde keinen Spaß machen?“
Marygold ließ den Kopf hängen. „Ja, stimmt.“
„Dann ist es doch gut, dass wir dieses Jahr gegen beide spielen müssen, oder?“ Evelyn grinste in die Runde. „Und dass es die Butzelmänner sind, die die Niederlagen einstecken müssen? Sie haben es verdient – so, wie sie hier gespielt haben!“
„Stimmt auch wieder!“ Dankrad grinste erst seinen Bruder und dann die anderen an. „Reich mir doch noch ein Franzbrötchen, bitte. Lasst es uns genießen!“
„Das ist aber schon ein wenig illoyal, findest du nicht?“ Alle sahen überrascht zu Ambrosia. Gerade von ihr hatten sie diesen Einwand nicht erwartet. „Sie sind unser Team, sie vertreten uns alle…“
„Oh man…“Dankrad schob das Franzbrötchen wieder von sich. „Das heißt, wir müssen echt mitleiden, nicht wahr?“
Keiner erwiderte etwas, stumm verfolgten sie weiter den Kommentar aus dem Magischen Zauberfunk.
„Jeronimus Heidenberg bemüht sich nicht einmal, denn der Quaffel fliegt weit am Torpfahl vorbei. Jannis Faust fängt ihn auf. Wieder spielt die Alpenschule Gemsenkluft auf das gegnerische Tor. Gideon Graf schlägt einen Bludger in ihre Richtung und ja – er hat getroffen. Otto Croll lässt den Quaffle fallen. Titanus Güldenstern fängt ihn auf, passt zu Ludmilla Mevius, da trifft diese ein Bludger. Oh – und gleich noch der zweite. Alpenschule Gemsenkluft in Ballbesitz und TOR! Es steht 60:0. Ludmilla Mevius wird am Boden versorgt. Ihre Nase blutet stark, doch sie steht wieder auf. Beater Waldo Weinstein schlägt erneut einen Bludger und verfehlt Chaserin Romy Recht um Haaresbreite. Diese fliegt auf das gegnerische Tor zu. Da trifft sie ein Bludger in den Rücken. Der Quaffle fällt. Gefangen von Pantaleon Pumpernickel. Er fliegt nah am Boden, zieht hoch um einem Bludger auszuweichen. Ob das Absicht war? Er passt zu Otto Croll, Croll wirft und TOR! Titanus Güldenstern ist im Ballbesitz. Er weicht einem Bludger aus. Da trifft ihn der andere aus der anderen Richtung. Der Quaffel fällt. Doch Ludmilla Mevius ist wieder im Spiel und fängt ihn auf. So nah sind die Runholter Chaser dem gegnerischen Tor bisher selten gekommen. Haller wirft und… weit daneben. Teamchef Rabanus Reichard brüllt sie offenbar an. Nun ja – sein Spiel lässt bisher auch zu wünschen übrig. Abgesehen von vorhersagbaren vorgetäuschten Snitch-Sichtungen haben wir von ihm noch nichts zu sehen bekommen.
In der Zwischenzeit spielen die Chaser der Alpenschule Gemsenkluft schon wieder aufs Tor. Wo sind nur die Beater von Rungholt? Die Bludger werden jedenfalls jetzt gerade von Waldo Weinstein und Friedrich Tausend von der Alpenschule Gemsenkluft geschlagen. Einer trifft Güldenstern vollkommen unvorbereitet. Der andere zischt haarscharf an Romy Recht vorbei. TOR! Pumpernickel hat das achte Tor für die Alpenschule Gemsenkluft erzielt, es steht 80:0.
Ludmilla Mevius und Romy Recht spielen auf das gegnerische Tor. Mevius passt zu Güldenstern – doch Faust greift den Quaffle aus der Luft. Er zieht steil nach oben – doch was ist das? Reichard mal wieder im Sturzflug – hat er den Snitch gesehen? Er hält direkt auf Jannis Faust zu. Faust weicht aus – doch Rabanus Reichard weicht in dieselbe Richtung aus…“
„Ich sag doch, das war kein Unfall!“, sagte Tizian leise. „Glaubt ihr mir jetzt?“
„Oh – sie sind kollidiert. Fausts erneuter Ausweichversuch kam zu spät. Beide trudeln. Faust hat den Quaffle – und den Kontakt zu seinem Besen verloren… Ein Abfangzauber bremst seinen Sturz, er ist sicher am Boden. Aber der Schiesdrichter ist sich sicher: Das war Absicht! Willibald Dingeldein sperrt Reichard für 11 Minuten. Dieser schreit ihn an. Jetzt sind es 17 Minuten auf der Bank. Und Freistoß für die Alpenschule Gemsenkluft. Otto Croll wirft für die Alpenschule Gemsenkluft. Und Tor. Es steht 90:0. Güldenstern hat den Quaffle, er passt zu Mevius. Diese passt zu Romy Recht. Oh – ein Bludger trifft Recht aus kurzer Entfernung. Der Quaffle fällt. Recht hat offenbar Schmerzen, ihr linker Arm scheint verletzt, sie fliegt zu Boden. Pumpernickel im Ballbesitz. Ein Bludger fliegt an ihm vorbei – er winkt ihm zu! Hat man sowas schon gesehen… Pumpernickel wirft und TOR!“ Ja – das war das 100:0. Romy Recht ist wieder auf dem Besen. Der Arm war gebrochen, konnte aber schnell geheilt werden. Reichard ist noch immer gesperrt. Noch 4 Minuten, bis er wieder spielen darf. Romy Recht hat den Quaffle. Doch was ist das? Schiedsrichter Dingeldein pfeift das Spiel ab. Korbinian Kunckel von Löwenstern, der Seeker der Alpenschule Gemsenkluft hat den Snitch gefangen. Es steht 250:0. Die Alpenschule Gemsenkluft besiegt die Rungholt Akademie der Magischen Künste.
Die Spieler sind am Boden und schütteln sich die Hände. Nicht sehr enthusiastisch. Reichard weigert sich – ein schlechter Verlierer. Was für ein peinlicher Auftritt für die Rungholt Akademie…!“
Magister Klotterbeck tippte den Apparat an und es wurde augenblicklich mucksmäuschen still im Speisesaal. Niemand sprach. Kein Geschirr klapperte.
„Nun“, Magister Klotterbeck sah gefasst in die Runde, „ich denke, auf den Schreck sollten wir uns alle ein wenig die Beine vertreten, bevor wir zu Abend essen können. Los, los – es ist noch nicht ganz dunkel. In den Dünen kommen die Dünenelfen aus ihren Winterhöhlen. Jeder sammelt jetzt mindestens drei schöne Gedanken ein.“ Sie lächelte. „Wäre doch gelacht, wenn wir uns davon den Tag verderben lassen, nicht wahr?“
Doch der Speisesaal leerte sich langsam und in gedrückter Stimmung. Marygold fragte sich, was passieren würde, wenn in wenigen Stunden die Butzelmänner zurückkamen.

Kapitel 39 -Strick den Flobberwurm

Als Magister Pumpernickel die Klassentür hinter sich schloss, saßen bereits alle Neuntklässler auf ihren Plätzen. Sogar Tiberius Tafelspitz, Jens Olsen und Titanus Güldenstern hatten Pergament, Feder, Buch und Zauberstab bereit.
Es gab für dieses Verhalten nur eine Erklärung: Die Prüfungen rückten näher.
Cölestine Carstensen hatte die ganzen Weihnachtsferien hindurch geübt und wiederholt, was sie bisher durchgenommen hatten. Circe Pinkernelle und Klementine Krauthausen waren nicht ganz so verbissen dabei, machten ihre Hausaufgaben aber noch gewissenhafter, als sonst.
Magister Pumpernickel stellte seine Tasche auf dem Pult ab und sah ein wenig überrascht in seine stille Klasse. Dann räusperte er sich – obwohl das nicht notwendig gewesen wäre, falls er auf sich aufmerksam machen wollte – und wies mit dem Zauberstab auf die Tafel, wo einige komplizierte Zeichnungen erschienen.
„Nun, heute wollen wir endlich an die Verwandlung von belebter zu unbelebter Materie gehen. Ich habe hier vorne eine Kiste voller Flobberwürmer. Am Ende der Stunde sollte ein hübscher Strickschal daraus geworden sein. Doch bevor wir an die Praxis gehen, wollen wir noch einen Blick auf die Theorie werfen…“
Das übliche leise Murren blieb aus. Stattdessen öffneten sich die Bücher und alle begannen still zu lesen.
Bald holte sich Cölestine einen Flobberwurm und wenige Minuten später übte die ganze Klasse die Verwandlung. Magister Pumpernickel ging von einem zum anderen und gab Hinweise. Am besten schlugen sich überraschenderweise Jens Olsen und Klementine Krauthausen, während Cölestine bald den Tränen nahe war, denn ihr Flobberwurm verwandelte sich zunächst in einen einzelnen Faden, dann in ein Stück Draht und schließlich in ein Taschentuch.
Die anderen hatten ähnliche Probleme. Titanus Güldensterns Flobberwurm wurde zu einer Kreuzotter, der von Tiberius Tafelspitz zu einem Gummischlauch. Einzig Circe Pinkernelle schaffte es am Ende, auch wenn ihr Schal sehr kurz und kratzig war.
Erschöpft und niedergeschlagen verließen die sechs Neuntklässler den Klassenraum.
„Das kann ja heiter werden!“, knurrte Tiberius auf dem Weg zum Speisesaal. Nicht mehr lang bis zu den Prüfungen, wenn das so weiter geht…“
Cölestine schluchzte laut auf und stürmte an ihm vorbei in Richtung Mädchentoilette. Circe und Klementine warfen sich vielsagende Blicke zu.
„Tut ihr ganz gut, wenn sie sich auch mal anstrengen muss“, meinte Titanus hingegen trocken. „Vielleicht ist sie dann nächstes Jahr ein bisschen erträglicher.“

Kapitel 38 – Heinzelmannen GmbH und Co KG

„Ihr seid WAS?“
Wie zu erwarten gewesen war, mussten Dankrad und Dankward die Geschichte am nächsten Morgen beim Frühstück auch den Mädchen erzählen. Die Reaktionen reichten von nachträglichen Sorgentränen im Auge (Evelyn) über ungläubiges Staunen (Marygold) zu einem missbilligendem Stirnrunzeln (Ambrosia). Alles Reaktionen, die niemanden überraschten.
„Und ihr wusstet davon?“, fragte Marygold Cornelius und Tizian auf dem Weg zum Geschichte der Magie Unterricht.
„Ja, wussten wir“, meinte Tizian lapidar. „Natürlich nicht, dass es so kommen würde.“
„Aber dass das saugefährlich war, das muss euch doch klar gewesen sein?“, meinte Evelyn skeptisch.
„Ja, natürlich“, meinte Cornelius und schluckte den letzten Bissen Marmeladenbrötchen hinunter. „Das haben wir ihnen ja auch gesagt – aber sie wollten es trotzdem versuchen.“ Er zuckte die Schultern, als könne man da nichts machen.
Evelyn und Marygold warfen sich einen vielsagenden Blick zu, der keinen Zweifel daran ließ, was SIE getan hätten. Oder zumindest jetzt dachten, dass sie es getan hätten.
Dankrad und Dankward waren froh, als Magister Schnawitzki den Raum betrat und die Tür schloss, denn das beendete das Thema vorerst. Stolz waren sie auf ihr Abenteuer wahrlich nicht.
„Wir werden uns heute mit den Heinzelmännern und -frauen beschäftigen“, begann Magister Schnawitzki. „Wie ihr sicher wisst, sind auch einige von ihnen auf Rungholt angestellt. Doch wie kommt es überhaupt, dass Heinzelmänner und –Frauen angestellt werden? Dass sie einen Lohn erhalten, Urlaubstage und Lohnfortzahlung bei Krankheit?“
Evelyns Hand schoss in die Höhe, doch Magister Schnawitzki sprach weiter. „Es ist etwas besonderes, denn in der Zaubererwelt ist es ansonsten unüblich, seine Bediensteten derart gut zu behandeln. Die mit den Heinzelmännern verwandten Hauselfen zum Beispiel, wären beleidigt, würde man ihnen Bezahlung anbieten. Sie sind durch Magie verpflichtet ihrer magischen Familie zu dienen. Um diesem Unterschied auf die Spur zu kommen, müssen wir uns in das Jahr 1672 begeben…“
An Magister Schnawitzkis Stimme erkannte man sofort, dass er in den Märchenonkelmodus gefallen war. Er erzählte eine Geschichte von wackeren Heinzelmannen und –frauen, die es satt hatten von magisch begabten Menschen ausgebeutet zu werden, und sich am 29. Februar zusammenschlossen, um die erste Genossenschaft zu gründen. Bereits einen Tag danach – am 1. März 1672 – wurde in Köln der erste Streik ausgerufen und die Stadt ins Chaos gestürzt. Überall im Land bildeten sich weitere lokale Genossenschaften, überall kam es zu Streiks. Bis 1733 dauerte dieser Zustand, der der magischen Bevölkerung vor Augen führte, wie sehr sie auf die Dienste der Heinzel angewiesen waren. In Heinzelkreisen werden diese Jahre als „der große Freiheitskrieg“ bezeichnet. Viele der lokalen Genossenschaften schlossen sich zusammen, so dass ihr Einfluss durch Einigkeit wuchs. 1937 dann, wurde die Heinzelmann GmbH gegründet, die die Arbeitsbedingungen für Heinzelmannen und –frauen landesweit vorschreibt.
Die Heinzelzentrale in Köln vermittelt seitdem Heinzelmannen und Frauen an seriöse Hexen und Zauberer für folgende Aufgaben:
Hausmeisterdienste aller Art, z.B. Klempnerarbeiten, Gartenarbeit, Gebäudepflege, etc. Der leitende Angestellter auf Rungholt ist Gunther Gut-Schuh.
Des Weiteren Hausarbeiten aller Art, z.B. Putz- und Kochdienste sowie Wasch- und Näharbeiten, etc.
Die leitende Angestellte auf Rungholt ist Wilma Wiesel-flink.
Die Bezahlung erfolgt gemäß den Statuten der Heinzelmann GmbH vom 27.07.1737. Außerdem hat jedes Mitglied der Heinzelmann GmbH bei Vermittlung an eine Arbeitsstelle das Anrecht auf mindestens 10 Tage Urlaub pro Jahr, sowie freie Kost und Logis, auch und gerade im Krankheitsfall.
„Und so befreiten sich die Heinzelmannen und –frauen aus der Sklaverei und sind heute unsere geschätzten Angestellten!“, schloss Magister Schnawitzki seine Geschichte.
Die Fünftklässler sahen ihn aus müden Augen an. Cornelius fragte sich matt, ob man diese Geschichte nicht auch hätte spannender erzählen können – doch dann erklang die Schulglocke und die Klasse ging hinüber zum Zaubertränkepavillion.

Kapitel 37 – Helden in Nachthemden

Es war zwar kurz nach acht – also bereits Bettzeit für die Fünft- und Sechstklässler – als Dankrad und Dankward nach ihrem furchtbar schief gegangenem Abenteuer in das Jungszimmer zurückkamen, doch sie waren kein bisschen überrascht, dass Cornelius und Tizian ihnen hellwach mit den Zauberstäben ins Gesicht leuchteten, als sie so leise wie möglich das Zimmer betraten.
„Und?“ Cornelius klang neugierig.
„Wo seid ihr so lange gewesen?“, wollte Tizian wissen, „was ist passiert?“
Dankrad und Dankward schlüpften in ihre Nachthemden und versuchten dabei alles zu erzählen.
„Erst war alles super“, fing Dankrad an. „Wir haben uns verwandelt und sind nach Südernickelrup rüber gekommen – kein Problem.“
„Wir waren in Heins Dropskate und im Irrlicht – es war klasse.“ Dankward grinste breit. „Wir haben ganz viele Süßigkeiten gekauft und…“
„Jetzt liegen sie irgendwo auf dem Grunde der Nordsee“, ergänzte Dankrad.
„Wieso das denn?“ Cornelius konnte es nicht fassen.
„Als wir auf dem Weg zum Strand waren, hat uns ein Freund von Vater aufgehalten. Wir mussten vor ihm weglaufen, waren plötzlich auf der anderen Seite der Insel…“
„Wir sind viel zu spät losgelaufen.“ Dankrad schauderte bei dem Gedanken an das, was danach geschehen war und er kroch in sein Bett.
„Als wir mitten im Watt waren, war es schon dunkel und die Flut kam.“ Dankward schluckte. „Es war Wasser überall…“
„Wir wären nicht mehr nach Rungholt zurückgekommen“, sagte Dankrad leise. „Magister Dinkelsack, Waldhusen und Greifenklau haben uns gerettet.“
„Was? Ihr wärt fast ertrunken?“ Tizian konnte kaum glauben, dass die Lage so brenzlig gewesen war.
„Wir müssen Krabbenpuhlen.“ Dankrads Stimme klang tonlos – aber auch irgendwie erleichtert.
„Bis zum Ende des Monats. Und unsere Eltern bekommen eine Eule.“
„Da habt ihr aber Glück gehabt!“, flüsterte Cornelius, denn in diesem Moment klopfte Kilian Krauthausen gegen die Tür und forderte sie auf, endlich zu schlafen.
„Riesenglück!“, wisperte Dankward zurück. „Ich war noch nie so froh, Lehrer auf mich zukommen zu sehen.“
Die Jungs grinsten in die Dunkelheit, dann sagte keiner mehr etwas. Cornelius schnarchte kurz darauf. Dankrad und Dankward hingen jeder noch einen Moment ihren Gedanken nach – doch dann schliefen sie vor Erschöpfung ebenfalls ein.

Tom Riddles Schokofroschkarte

„Magst du einen Schokofrosch?“ Luna hielt Hugo die Packung hin. „Klar, ich sammle schon seit Jahren. Mir fehlt immer noch Hester Jonas.“ Er öffnete die Packung und biss dem Frosch den Kopf ab. Dann zog er die Karte hervor und verzog das Gesicht. „Oh nein! Nicht schon wieder!“ „Wieso, wen hast du denn?“
„Tom Marvolo Riddle, besser bekannt unter dem Namen Voldemort. Schwarzmagier und Ersteller von acht Horcruxen. Seine größte Errungenschaft ist es jedoch, der einzige Zauberer zu sein dem es gelungen ist, sich zwei Mal von seinem eigenen zurückprallenden Todesfluch treffen und töten zu lassen.“ “Was für ein Idiot!”

Kapitel 36 – Das Donnerwetter

Eine knappe Stunde später war ihre Situation nur um weniges besser. Zwar waren sie nicht mehr im Watt verloren und in Gefahr zu ertrinken – doch sie standen im Büro von Magister Klotterbeck, die die zwei mit einem Blick musterte, der ihnen solche Angst machte, dass sie sich beinahe zurück ins kalte Wasser der Nordsee wünschten.
Magister Dinkelsack, Waldhusen und Greifenklau hatten ihre roten Funken gesehen, sie eingesammelt und in die Krankenstation gebracht. Hier hatten sie sich abtrocknen und umziehen können. Madam Rainfarn hatte beide mit einem Aufwärm-Trank versorgt und ihnen zusätzlich heiße Schokolade gereicht. Beinahe hatten die Zwillinge schon wieder Oberwasser gehabt – als Magister Dinkelsack sie abgeholt und zu Klotterbecks Büro geführt hatte.
Jetzt starrten die Jungs auf den Dielenboden und trauten sich kaum zu atmen.
„Bitte erklären Sie mir, warum Sie das getan haben!“ Klotterbecks Stimme klang kontrolliert und ruhig. Ein leichtes Beben ließ jedoch erahnen, wie ernst die Lage war.
„Wir…, wir…“, begann Dankrad, doch Dankward beendete den Satz für ihn.
„Wollten nach Südernickelrup. Wir dachte, es wäre lustig…“
„Wir wollten gleich hinter den anderen her – aber wir haben uns auf Südernickelrup verlaufen…“
„Und sind zu spät losgekommen. Wir dachten, wir schaffen es noch…“
„Aber dann war überall Wasser…“
Beide sahen weiter nach unten. Plötzlich kam ihnen ihr gewagter Plan total idiotisch vor.
„Und warum, bei Merlins Bart, konnten Sie nicht warten, bis Sie in der siebten Klasse sind?“
Beide zuckten mit den Schultern.
Klotterbeck verschränkte die Arme hinter dem Rücken und ging ein paar Schritte auf und ab. „Hat es sich wenigstens gelohnt? Was gibt es auf Südernickelrup, das so wichtig und ungewöhnlich ist, dass Sie dieses Risiko auf sich nehmen mussten?“
„Nichts, Magister.“ Dankrads Stimme klang fremd. Gar nicht, wie seine eigene.
„Es war dumm“, gab Dankward betreten zu.
Klotterbeck atmete hörbar aus und ein. „Sie beide wären heute Abend aufgrund einer Dummheit beinahe ertrunken. Ich werde Ihren Eltern eine Eule schicken müssen. Und Ihre Strafe wird Krabbenpuhlen sein. Das haben Sie sicher schon erwartet.“
Beide Jungen nickten.
„Ohne Magie“, ergänzte Dankrad schwach.
„Richtig.“ Klotterbeck musterte die beiden Jungen, die am Boden zerstört bei ihr standen. „Ich denke, bis zum Ende des Monats sollte genug Zeit sein, über den Sinn unserer Schulregeln nachzudenken.“
Dankrad und Dankward nicken – beinahe erleichtert. Hätte die Schulleiterin sie bis zu den Sommerferien Krabbenpuhlen lassen, hätten sie auch das gerecht gefunden.
„Nun. Ich denke, es ist spät genug. Sie zwei gehören ins Bett und ich habe noch eine Eule zu schicken. Ich gehe davon aus, dass wir eine solche Unterhaltung nie wieder führen müssen.“
„Nein, Magister Klotterbeck!“ Dankrad traute sich noch immer nicht hochzusehen. Er schämte sich so für diese idiotische Idee. Wie waren sie nur darauf gekommen?
„Versprochen, Magister Klotterbeck!“ Der riesige Knoten in Dankwards Magen begann sehr langsam, sich aufzulösen.
„Gut. Dann gehen Sie jetzt und erholen sich von Ihrem Abenteuer. Ich wünsche Ihnen eine erholsame Nacht – sie können sie brauchen.“
„Dankeschön, Magister Klotterbeck“, sagten die Zwillinge, wie aus einem Mund und verließen, noch immer mit gesenkten Köpfen, das Büro der Schulleiterin. Schweigend gingen sie hinüber zum Jungen-Langhaus.

Kapitel 35 – Auf nassen Abwegen

Es war ein bitterkalter Tag mit verhangenem Himmel, als Ende Februar das nächste Südernickelrup Wochenende anstand. Cornelius und Tizian hatten beide am Abend zuvor – vor dem Einschlafen – ein letztes Mal versucht, die Zwillinge davon zu überzeugen, auf Rungholt zu bleiben – doch keine Chance.
Dankrad und Dankward hatten sich direkt nach dem Mittag auffällig unauffällig in die Bibliothek verzogen, doch in ihren prallen Taschen hatten sich ihre Umhänge befunden. Cornelius und Tizian standen am Strand und ließen Treibholz mit einem Schleuderzauber ins Watt fliegen, als Magister Pumpernickel und Schnawitzki mit den älteren Schülern den Weg herunter kamen.
Cornelius und Tizian beobachteten die Rungholter Schüler und hielten gleichzeitig Ausschau.
„Da!“ Cornelius deutete auf zwei Gestalten, die sich in einiger Entfernung ebenfalls durch das Watt bewegten. „Sind sie das?“
„Geh ich jede Wette ein!“ Cornelius zog sich den Zauberer-Hut tiefer über den Kopf. „Einer ist größer als der andere.“
„Glaubst du, das geht gut?“, fragte Tizian Cornelius unsicher.
Cornelius zuckte mit den Schultern. „Hoffe ich für sie. Ich würd‘s nicht riskieren.“
„Ich auch nicht.“ Tizian vergrub die Hände tief in den Taschen seines Umhanges. „Ich meine, *wenn* es gut geht, ist es natürlich eine coole Aktion…“
„Ja – naja…“ Cornelius verzog das Gesicht. „Aber wofür? Ein Kännchen Tee mit Curry-Geschmack, zwei Taschen voll Süßkram und ein paar Scherzartikel?“
„Die trau‘n sich ganz schön was.“ Tizians Stimme klang, als könne er sich nicht entscheiden, ob er das dämlich oder bewundernswert fand.
„Lass uns zum Haupthaus gehen“, Cornelius rieb sich die kalte Nase. „Es gibt gleich heißen Tee und Kuchen – das ist mir grad lieber als hier draußen rumzuhängen!“
Tizian nickte. Gemeinsam machten sie sich auf den Sandweg durch die Dünen entlang zurück zur Schule.

*

Ein paar Kilometer weiter gingen Dankrad und Dankward betont entspannt mit gebührend Sicherheitsabstand der Rungholt-Gruppe hinterher.
„Sie haben uns noch nicht gesehen!“, wisperte Dankrad ungewohnt tief seinem Bruder zu. Er sah aus als sei er um die 50 und hatte einen ziemlich langen Vollbart, den er locker eingeflochten hatte, wie es viele Zauberer im Norden taten, damit der Wind in den Bart nicht hineinfuhr.
Dankward wirkte wie ein junger Mann Anfang zwanzig. Falls jemand sie ansprach, hatten Sie sich darauf geeinigt, dass Dankrad sich als Bruder ihres Vaters ausgeben würde.
Sie verließen das Watt nicht an derselben Stelle wie die Gruppe, sondern gingen einen schmalen Pfad durch die Dünen entlang, der zwischen einigen Häusern entlang führte und dann auf der Hauptstraße endete.
Sie wendeten sich Richtung Dorfmitte und mussten sich das Lachen verkneifen, als die ersten Schüler ihnen mit rot gefrorenen Gesichtern entgegen kamen und sie nicht erkannten.
Die älteren Schüler gingen als erstes ins Irrlicht, um sich bei einer heißen Tasse Tee aufzuwärmen. Hinter einer großen Traube aus Acht- und Neuntklässlern gingen Amaryllis Petersen und Oberon Güldenstern eng aneinandergeschmiegt.
Die Zwillinge warfen sich vielsagende Blicke zu.
Sie hatten schon vorab beschlossen, dass sie zunächst zu Heins Dropskate gehen wollten, wo sie Süßigkeiten und Scherzartikel kaufen wollten. Die größte Schwierigkeit würde vermutlich sein, möglichst ruhig zu bleiben und so zu tun, als würden sie alles für ihre beiden Neffen kaufen.
Doch alles ging gut. Mit einer prallen Umhängetasche verließen die beiden Heins Dropskate und schlendert betont unbeteiligt zwischen den Rungholt-Schülern umher hinüber zum Irrlicht.
Als sie eintraten, sahen sie Magister Pumpernickel und Magister Schnawitzki an einem Tisch am Fenster sitzen. Ohne sich abzusprechen steuerten sie sofort einen Tisch an, der vom Fenster aus kaum zu sehen war und setzten sich.
„Die anderen werden die Ohren aufsperren, wenn wir ihnen davon erzählen!“, meinte Dankrad grinsend.
„Psst!“ Dankward deutete mit dem Kopf in Richtung des Nebentisches, an den sich jetzt vier Siebtklässlerinnen setzten. „Die sollten sowas besser nicht hören“, wisperte er leise zurück.
Sie bestellten jeder ein dampfendes Butterbier und genossen es mit stillem Vergnügen.
Als sie sahen, dass die Lehrer die Kneipe verließen, gingen auch sie kurz danach. Sie hatten beschlossen, sich beim ‚Suutsche‘ herumzudrücken, um dann mit gebührend Abstand hinter der Gruppe her zu laufen. Am Bootshaus auf Rungholt würden sie abwarten, bis die Wirkung des Alterungstrankes nachließ und dann – möglicherweise ein wenig verspätet – zum Abendessen im Speisesaal erscheinen.
Doch es kam anders. Sie gingen die Straße zur Ortsmitte entlang, als sie plötzlich eine Stimme hinter sich hörten.
„Neidhart? Neidhart, bist du das?“
„Einfach weitergehen!“, raunte Dankrad seinem Bruder zu. „Wir tun, als hätten wir nichts gehört!“
Doch einen Moment später wurde er von einem Einfrier-Zauber getroffen und erstarrte. Dankward drehte sich erschrocken um. Ein Mann mit vollem, rotem Haar und einem langen, ebenso rotem, Bart holte sie mit wenigen Schritten ein.
„Habt ihr Schokofrösche auf den Ohren? Ich habe doch… Oh!“
Er schwang seinen Zauberstab und Dankrad konnte sich wieder bewegen.
„Ich hätte schwören können, Sie seien mein Freund Neidhart. Aber jetzt sehe ich… Sind Sie mit ihm verwandt?“
Dankward schwitzte. Hoffentlich bekam Dankrad das jetzt hin.
„Kann man wohl sagen!“, grummelte Dankward. „Er ist mein Bruder.“
„Neidhart hat einen Bruder? Das hat er nie erwähnt!“
„Wundert mich nicht“, grummelte Dankrad wieder. „Wir stehen uns nicht besonders nahe.“
„Und Sie sind…?“
„Norwin von Nettesheim“, Dankrad gab seiner Stimme diesen leicht arroganten Unterton, den sein Vater immer bekam, wenn er mit Leuten sprechen musste, die ihm auf die Nerven gingen.“
„Starkes Stück!“ Der Mann stemmte die Hände in die Hüften und musterte die beiden eindringlich.
„Mein Sohn Norbert. Und wer sind Sie?“
„Dagobert Donnerstein. Wir sind zusammen zur Schule gegangen!“
Dankwards Hände begannen zu schwitzen. Die Schülertraube am Strand setzte sich langsam in Bewegung – sie mussten hinterher.
„Wie nett.“ Dankrad hatte ebenfalls gesehen, dass es Zeit wurde. „Wenn Sie uns jetzt entschuldigen würden…“ Er machte einen Schritt zur Seite.
„Nee!“ Der Mann trat Dankrad in den Weg. „Denn Neidhart und ich sind sehr gute Freunde gewesen – und sein Bruder wäre bestimmt auch nach Rungholt gegangen.“
„Ich war auf Rügen“, log Dankrad geistesgegenwärtig, „Ich wollte nicht auf Neidharts Schule, wir haben uns ständig gestritten.“
„Trotzdem komisch, dass er seinen Bruder nie erwähnt hat, nich wahr?“
„Ja, komisch!“, blaffte Dankrad den anderen Mann an und zog entschlossen seinen Zauberstab. „Fragen Sie doch bei Gelegenheit meinen Bruder! Wir müssen jetzt los.“
Beide gingen mit schnellen Schritten an dem Mann vorbei und die Straße hinunter.
„He!“, rief dieser hinter ihnen her, so dass sie spontan in eine kleine Seitengasse abbogen und zu rennen begannen. Bei der nächsten Gelegenheit bogen sie links ab, dann wieder rechts. Immer wieder, sahen sie sich um – doch der Mann kam nicht hinter ihnen her.
Schließlich standen sie schwer atmend am Strand – doch Rungholt war nicht zu sehen.
„Mist!“ Dankrad hielt sich seine schmerzenden rippen. „Ich glaube, wir sind auf der anderen Seite der Insel.“
„Wir müssen zurück.“ Dankward sah sich um. „Die Flut kommt, wir müssen sofort zurück!“
Im Laufschritt liefen sie am Strand entlang, bis sie einen kleinen Stichweg fanden, der zwischen Gärten und kleinen Häusern hindurchführte.
Sie kamen auf einer Straße heraus. Auf der anderen Seite standen Häuser – doch dahinter sahen sie das Watt – und Rungholt. Das magische Licht des Leuchturms flackerte in der beginnenden Dämmerung regelmäßig auf.
So schnell sie konnten, bahnten sie sich einen Weg zum Strand und liefen hinaus ins Watt. Es wurde schnell dunkler. Während sie liefen, spürten beide, wie der Alterungstrank nachließ. Dann stolperte Dankrad.
„Meine Schuhe!“
Die viel zu großen Schuhe waren ihm einfach von den Füßen gefallen. Einen Moment später ging es Dankward ebenso.
„Dann gehen wir eben barfuß. Geht man nicht eh barfuß durchs Watt?“
„Ja, aber nicht im Februar!“ Dankrad fröstelte, doch er schleuderte entschlossen die Schuhe von sich und raffte die Herrenrobe, die ihm jetzt viel zu lang war.
Sie rannten weiter durch das Watt, die Füße nach kürzester Zeit taub vor Kälte. Da rannte Dankward in Dankrads Rücken hinein, da dieser abrupt stehen geblieben war. „Was tust du?!“
„Der Priel!“
Im aufflackernden Licht des Rungholter Leuchtturmes sah Dankward, was sein Bruder meinte: Der Priel, den sie auf dem Hinweg leicht hatten überspringen können war jetzt so breit und tief, dass an ein Überqueren nicht zu denken war.
„Wir müssen Richtung Festland, dann wird der Priel wieder schmaler!“ Dankrad wies mit der Hand Richtung Festland, wo auf der Nachbarhallig Nordstrand der Muggelleuchtturm aufleuchtete.
Hektisch rannten sie weiter in dieser Richtung – bis sie beide gleichzeitig innehielten.
„Das Wasser!“ Dankrad spürte erschrocken, wie eiskaltes Nordseewasser um seine Knöchel spülte und schnell stieg.
„Aber warum kommt es vom Festland aus?“, fragte Dankward verzweifelt und ungläubig. „Was sollen wir denn jetzt machen?“
„Wie laufen Richtung Rungholt. Und wenn ein Priel kommt, dann schwimmen wir durch!“
„Aber das Wasser ist viel zu kalt…“
Beide sahen sich an. Sie wussten beide, dass das Wasser zu kalt war, um darin zu schwimmen. Sie wussten auch, dass sie nicht stehenbleiben konnten. Und sie wussten auch, dass Rungholt näher war als jede andere Hallig. Sie rannten los. Am Priel angekommen stiegen sie entschlossen ins Wasser. Beide atmeten erschrocken ein, als sie spürten WIE eisig das Wasser war. Sie wateten weiter, bald ging ihnen das Wasser bis zum Hals und sie mussten schwimmen. Die starke Strömung des auflaufenden Wassers zog sie in die entgegengesetzte Richtung, von Rungholt fort.
„Wir müssen was tun!“, Dankrad versuchte, seinen Zauberstab aus seiner Tasche zu ziehen. „Wir müssen irgendwas tun!“
Er reckte den Arm in die Höhe. Ein kleiner Regen aus roten Funken schoss heraus und regnete um sie herum im Wasser nieder.
Auch Dankward hatte seinen Zauberstab herausgeholt und schoss Funken in die Höhe. Sein Arm wurde immer schwerer, je länger sie im Wasser waren. Die Brüder hielten sich mit den linken Händen aneinander fest und schossen immer wieder rote Funken in die Luft – doch langsam wurden es immer weniger. Dankrad spürte, wie Dankward tiefer gezogen wurde. Da spürte er plötzlich Boden unter den Füßen.
„Dankward, hier!“ Eine Sandbank oder sowas!“
Keuchend schleppten sich die Jungen auf die leichte Erhöhung. Dankrad riss ein letztes Mal den Arm hoch. Er war so schrecklich müde, er wollte sich nur noch hinlegen und schlafen.
„Da, Dankrad, sieh nur, da!“, Dankward zeigte aufgeregt Richtung Rungholt und begann, erneut Funken in die Luft zu schießen. Dann sah Dankrad es auch. Immer, wenn das Licht des Rungholter Leuchtturms über das Watt leuchtete, konnte man deutlich drei Personen auf Besen sehen, die auf sie zuflogen. Sie waren gerettet.

Kapitel 34 – Dunkle Pläne in Dunkle Künste

Die Fünftklässler saßen im Unterricht bei Magister Dinkelsack, der strengen Lehrerin für Dunkle Künste. Nicht nur Magister Dinkelsack hielt ihr Fach für eines der Wichtigsten überhaupt – das dachten schließlich alle Lehrer von ihrem eigenen Fach – nein, Dunkle Künste wurde allgemein als Hauptfach betrachtet.
Allerdings lag das nicht daran, dass schwarze Magie allgemein als erstrebenswert betrachtet worden wäre – nein, es ging eher darum, dass ihre Gefahr nicht unterschätzt werden durfte.
Man musste den Feind studieren und kennen – um ihm gut gerüstet entgegen treten zu können. Die Gefahr bei der Auseinandersetzung mit den Dunklen Künsten war die Faszination, die diese leicht ausüben konnte. Das Versprechen von scheinbar leicht zu erreichender, unermesslicher Macht.
Dem zu widerstehen gelang nur, wenn man sich die Konsequenzen vor Augen führen konnte. Deshalb nahm das Studium der Lebensläufe böser Zauberer und Hexen viel Raum ein – zum Ärger der meisten Schüler, die lieber mehr Sprüche und Flüche gelernt hätten, um im Duellier-Club zu glänzen.
Heute hatte Magister Dinkelsack einen langen Vortrag über Tom Riddle gehalten – besser bekannt als Lord Voldemort – und jetzt waren alle dabei die Daten seines ersten Aufstieges zur Macht von der Tafel abzuschreiben.
Die Mädchen und Tizian arbeiteten gemeinsam daran, zusätzliche Informationen aus dem Lehrbuch hinzuzufügen, um einen besseren Überblick zu erhalten.
Dankrad, Dankward und Cornelius schienen ebenfalls zu arbeiten, doch Magister Dinkelsacks scharfe Augen beobachteten sie bereits. Und nicht zu Unrecht. Tatsächlich diskutierten sie mal wieder den unerlaubten Ausflug der Zwillinge Nach Südernickelrup
„Ihr könnt das niemals unbemerkt durchziehen!“, Cornelius war noch immer mehr als skeptisch.
„Wir haben den Trank, wir müssen nur hinüber kommen.“ Dankrad und Dankward warfen sich einen Blick zu, der deutlich machte, dass sie Cornelius für einen Feigling hielten.
Doch dieser war nicht überzeugt. „Und dann? Dann seid ihr auf Südernickelrup. Denkt ihr nicht, dass die Leute euch fragen werden, wer ihr seid?“
„Na und?“ Dankrad zuckte mit den Schultern. „Wir haben uns was ausgedacht. Wir sind Vater und Sohn, die die Insel besuchen.“
Dankward nickte. „Und wir haben genug Alterungstrank für den ganzen Nachmittag. Es kann gar nichts schiefgehen.“
„SO!“ Magister Dinkelsack war unbemerkt an ihren Arbeitstisch getreten. „Ein Muffliato-Zauber, wie ich vermute.“
Die drei Jungen sahen sie erschrocken an. Woher konnte sie das wissen?
„Der Nachteil dieses Zaubers ist, dass man nicht unbedingt alles mitbekommt, was um einen herum passiert. Sie drei werden mir eine fünfseitige Strafarbeit ausarbeiten, die Tom Riddles gesamtes Leben umfasst. Zusätzlich eine Ausführung darüber, warum Sie im Unterricht keine Privatgespräche führen dürfen!“
Die drei Jungen hielten die Köpfe gesenkt. „Ja, Magister Dinkelsack!“, sagten sie gehorsam. Cornelius schluckte. Das war viel Arbeit, die da auf ihn zukam – und Arbeit schätzte er gar nicht. Doch Dankrad und Dankward zwinkerten sich zu.

Kapitel 33 – Eine eisige Partie

Der einzige Höhepunkt im Januar, welchen die Lehrer anscheinend dazu nutzten, möglichst viele Hausaufgaben zu geben, als Ausgleich für die Ferien über Weihnachten und Neujahr, war das dritte Quidditch-Spiel. An einem Samstag nach dem Mittagessen war es soweit: Schüler und Lehrer marschierten bis an die Ohrspitzen eingepackt auf das Quidditschfeld. Es wehte ein eisiger Wind. Auf dem Boden waren vereiste Schneereste, die es nicht geschafft hatten wegzutauen, bevor es wieder kalt wurde. Die Luft roch nach Schnee – doch noch zwängten sich einzelne Sonnenstrahlen durch die graue Wolkendecke.
Tizian war froh, dass er dieses Mal warm eingepackt auf der Tribüne sitzen konnte und nicht auf einem Besen herumfliegen musste. Dankrad und Dankward waren weniger zu beneiden. Die Nachtkrabs spielten gegen die Butzelmänner – und sie brauchten dringend einen Sieg. Die Wolpertinger hatten nach zwei Spielen einen Endpunktestand von 330 Punkten. Die Nachtkrabs hatten 50 und wenn sie gewinnen wollten, dann brauchten sie demnach 290 Punkte. Das waren 29 Tore oder 14 Tore und der Snitch – beides keine einfache Aufgabe. Vor allem wenn man in Betracht zog, dass die Butzelmänner im letzten Spiel 160 Punkte erreicht hatten und dasselbe Ziel mit nur 180 Punkten erreicht hätten – 18 Tore oder 3 Tore und den Snitch. Insbesondere letzteres schien nicht abwegig zu sein, da sie bereits gegen die Wolpertinger den Snitch gefangen hatten.
„Die Nachtkrabs *müssen* einfach gewinnen!“, seufzte Marygold und zog ihren Schal noch ein wenig fester um ihr Kinn.
„Sie müssen den Snitch fangen“, ergänzte Cornelius, „alles andere ist vollkommen unwahrscheinlich.“
„Du meinst, sie schaffen keine 29 Tore?“, fragte Tizian ein wenig ironisch. „14 Tore ist allerdings auch schon eine reife Leistung.“
Cornelius nickte. „Ja, das wird sehr eng. Aber die Alternative ist, dass die Butzelmänner uns gegen die Zauberschule Gemsenkluft und die Hexenschule Fichtelgebirge vertreten. Und das geht gar nicht!“
„Warum nicht?“, fragte Evelyn, auch wenn ihr die Butzelmänner nicht sonderlich sympathisch waren.
„Beide Schulen sind unglaublich gut“, erklärte Ambrosia. „Meine Mutter hat für die Hexenschule Chaser gespielt und sie haben richtig harte Trainingszeiten. Sie haben auch nur zwei Teams und die Auswahl ist schon richtig hart. Und entsprechend spielen die beiden Teams drei Mal gegeneinander, das trainiert dann noch zusätzlich.“
Tizian nickte. „Mein Vater sagt, er hat einen Kollegen der auf der Zauberschule Gemsenkluft war und die haben ein Spitzenteam und ein Ersatzteam. Ins Spitzenteam kommt man nur, wenn man sich im Ersatzteam bewährt hat. Aber auch die Aufnahme ins Ersatzteam ist schon richtig schwer. Und dann spielen sie vier Spiele, bei denen sie jeden Spieler auswerten und dann stellen sie die Spitzenmannschaft mit den besten Spielern neu auf für das Auswärts- und das Heimspiel.“
Evelyn verzog das Gesicht. „Das klingt überhaupt nicht, als würde das noch Spaß machen.“
„Die spielen auch nicht zum Spaß“, meinte Cornelius trocken, „die spielen um zu gewinnen. Und das tun sie auch meistens.“
In diesem Moment erklang der Anpfiff. Eine in schwarz, grau und blaue Roben gekleidete Gruppe erhob sich gegenüber einer schwarz, gelb und lila gekleideten und einen Moment später ging es zur Sache. Die Chaser der Butzelmänner, Titanus Güldenstern, Ludmilla Mevius und Romy Recht gingen sofort zum Angriff über. Dankrad und Dankward bemühten sich, sie mit Bludgern aus dem Gefecht zu bringen, doch zwei Minuten nach dem Anpfiff stand es bereits 10:0 für die Butzelmänner. Die Beater der Butzelmänner waren immer noch kein eingespieltes Team – genausowenig wie Dankrad und Dankward, die auch dieses Mal auf ihren Besen keine gute Figur machten – daher übernahm Klarabella Kobold, die erfahrenere Spielerin von beiden die meisten Bludgerangriffe. Gideon Graf bemühte sich nach Kräften und hin und wieder gelang ihm sogar mal ein Schlag. Zumeist begnügte er sich allerdings damit den gegnerischen Chasern in den Weg zu fliegen. Circe Pinkernelle, Sibella Zuckersack und Hermann Hinze waren mittlerweile ein gutes Team, das konnte man schnell sehen – doch leider bekamen sie den Quaffel kaum in die Finger. Die Butzelmann Chaser spielten den Ball so geschickt zwischen einander hin und her, dass sie quasi ständig im Angriffsflug auf die Tore der Nachtkrabs waren. Justinian Jeckel hatte es ziemlich schwer und wurde von einem Tor zum nächsten gescheucht. Man sah ihm an, dass er nach den ersten Spielminuten schon ganz schön durch den Wind war. Er hielt zwar die meisten Bälle – aber ewig würde er das Tempo nicht durchstehen, so viel stand fest. Dann warfen die Butzelmänner das zweite Tor.
Die Fünftklässler auf der Tribüne stöhnten gemeinsam auf. Doch die zwei Tore Vorsprung schienen den Butzelmännern ein wenig zu Kopf zu steigen. Die Chaser ließen ein wenig nach und das Spiel verlangsamte sich. Dankrad und Dankward landeten ein paar Glückstreffer und dann waren die Nachtkrabs im Ballbesitz. Drei, vier geschickte Pässe, Hermann Hinze warf und…
„TOR!“ Die Fünftklässler sprangen – gemeinsam mit den meisten anderen Zuschauern – auf und jubelten.
Rabanus Reichard machte sein Team zur Schnecke, das konnte man sehen. Doch offenbar hatte das nicht sofort Erfolg, denn Titanus Güldenstern verlor auf ungewöhnlich dusselige Weise den Quaffle. Sibella Zuckersack fing ihn auf und ehe die Butzelmänner sich versahen, stand es 20:20.
Das Blatt hatte sich gewendet. Die Butzelmänner waren aus dem Tritt und die Nachtkrabs hatten sich gefunden. Nach ein paar unaufgeregten Ballwechseln flog Circe Pinkernelle den nächsten Angriff. Die kleine Heiderose Haller entschied sich dummerweise in letzter Sekunde für das falsche Tor und die Nachtkrabs gingen in Führung.
Doch die Chaser der Butzelmänner hatten sich neu formiert und bald viel wieder ein Ausgleichstor. 30:30. Wenn man bedachte, dass beide Teams eine Menge Punkte brauchten, um die Wolpertinger einzuholen, konnte das auf diese Weise eine Weile dauern. Außer natürlich, die Butzelmänner fingen jetzt bald den Snitch – dann waren sie die Sieger.
„Sieht nicht gut aus für die Nachtkrabs“, seufzte Cornelius. „Vierzehn Tore und den Snitch… Selbst wenn Amaryllis jetzt den Snitch erwischt, dann haben sie zwar das Spiel gewonnen – aber die Wolpertinger haben dann immer noch mehr Punkte.“
„Ich hoffe trotzdem, dass sie bald den Snitch fängt“, meinte Tizian, „nicht, weil wir dann gewonnen haben – sondern damit die Butzelmänner nicht gewinnen.“ Er machte ein finsteres Gesicht. Er erinnerte sich noch allzu gut daran, dass Rabanus Reichard einfach in ihn hineingeflogen war, nachdem er den Snitch gefangen hatte und Tizian hatte sich nie ganz davon überzeugen lassen, dass das ein Unfall gewesen war.
Und da! Tatsächlich schoss Amaryllis Petersen auf etwas Glitzerndes zu. Sie hatte den Snitch entdeckt. Doch Rabanus hatte es auch gesehen. Er kreuzte ihre Flugbahn zwei Mal… Amaryllis bremste ab. Das Glitzern war verschwunden.
Stattdessen warf Sibella Zuckersack auf das Tor der Butzelmänner. Heiderose Haller flog vor das richtigen Tor und riss die Arme hoch. Doch der Quaffle berührte nur ihre Fingerspitzen und flog dann gegen den Rand des Tores – und auf der anderen Seite wieder heraus.
Das Publikum tobte. „Exzellenter Wurf!“, schrie Tizian zu der Nachtkrab Chaserin hinauf, obwohl diese ihn wohl kaum hören konnte.
Das Spiel ging weiter. Lange Zeit passierte nichts. Die Teams wechselten sich ab mit Angriffen, Pässen, Bludger-Atacken. Zwei Mal sahen die Seeker den Snitch, doch jedes Mal war er sofort wieder verschwunden. Das Wetter verschlechterte sich. Die Sonne war verschwunden und der Wind wurde zunehmend böiger. Die Nachtkrabs bekamen einen Freistoß, weil Gideon Graf es mit dem in-den-Weg fliegen übertrieben hatte und mit Sibella Zuckersack kollidiert war, die daraufhin gerade noch landen konnte, bevor sie von ihrem Besen kippte und pausieren musste. Circe Pinkernelle verwandelte den Freistoß in ein Tor. Es stand 50:30 für die Nachtkrabs.
Dann begann es zu schneien. Zuerst waren es winzig kleine Flocken, die durch die Luft tanzten, doch dann wurden es mehr und der Wind nahm wieder zu. Die Zuschauer auf der Tribüne rückten zusammen und verkrochen sich in ihren Umhängen. Die Spieler auf den Besen hatten es weniger gut. Kurze Zeit später wirbelten dicke Flocken in zunehmender Geschwindigeit über das Spielfeld. Die Spieler bestanden nur noch aus vorbeihuschenden Schatten, Magister Greifenfelds Kommentar wurde immer bruchstückhafter. Dann der Abpfiff.
„Haben sie das Spiel abgebrochen?“, fragte Evelyn überrascht.
„Nein, Quidditchspiele werden nicht abgebrochen!“, rief Cornelius über das Pfeifen des Windes hinweg.
Dann beruhigte sich das Wetter plötzlich und das Feld wurde wieder sichtbar. Schnee rieselte langsam zu Boden, der Wind nahm ab. Überrascht sahen die Fünftklässler sich an.
„Da!“ Ambrosia zeigte in die Richtung, in der die Lehrer saßen. „Das war Magister Klotterbeck!“
Und tatsächlich. Die Schulleiterin stand, Zauberstab gezückt und hatte das Wetter – zumindest über dem Quidditschfeld – beruhigt. Jetzt, wo das Spiel zu Ende war, war das nicht regelwidrig.
„Oh nein, auch *das* noch“, Tizian stöhnte auf. Nach einem Blick auf die Anzeigentafel und zu Magister Greifenklau stöhnten die anderen ebenfalls.
„Er muss den Snitch gefangen haben, ohne dass irgendwer etwas sehen konnte“, meinte Cornelius enttäuscht.
Es stand 180:50 für die Butzelmänner. Rabanus Reichard hatte im Schneechaos den Snitch erwischt.
„Und sie haben auch insgesamt gewonnen“, Marygold versuchte, möglichst neutral zu klingen, denn sie wollte keine schlechte Verliererin sein, „Die Butzelmänner haben 340 Punkte, die Wolpertinger 330 – und die Nachtkrabs 100.“
„Das haben sie nicht verdient!“, meinte Tizian bitter. „Keiner von beiden. Die Nachtkrabs sind das bessere Team und die Butzelmänner…“
„Können so schlecht nicht sein, sonst hätten sie nicht gewonnen!“, meinte Ambrosia.
„Lasst uns reingehe, Leute – mir ist wahnsinnig kalt“, unterbrach Evelyn das Geplänkel und die anderen stimmten ihr zu. Sie folgten den übrigen Zuschauern, die sich so schnell wie möglich auf das Haupthaus zubewegten um sich bei heißem Tee, Punsch für die älteren Schüler und Lehrer sowie Gebäck aufzuwärmen und zu erholen.

Kapitel 32 – Hölzerne Dosen

Bereits am nächsten Tag saßen sie wieder gemeinsam im Unterricht. Magister Pumpernickel hatte eine komplizierte Zeichnung an der Tafel erscheinen lassen und jetzt war auch Cornelius klar, warum die Hausaufgabe über die Ferien so umfangreich gewesen war. Bisher hatten sie lediglich Form oder Farbe eines Objektes verändert – jetzt sollten sie zum ersten Mal den Stoff umwandeln. Vor jedem von ihnen stand eine kleine Pillendose aus Metall, die am Ende der Stunde aus Holz sein sollte. Form und Größe waren egal – aber abgesehen von den Scharnieren war kein Metall erlaubt.
Tizian und Cornelius mühten sich redlich ab. Tizians Schatulle war mittlerweile braun – aber noch genauso aus Metall, wie vorher. Cornelius Dose war zunächst doppelt so groß geworden, dann hatte er aus einer rechteckigen Dose eine ovale gemacht, jetzt waren die kleinen Füßchen verschwunden.
Dankrads Eisenschatulle war jetzt aus Silber – was Magister Pumpernickel gelobt hatte, weil das nicht einfach war – aber es war leider auch nicht die Aufgabe. Dankwards Dose war zur Hälfte aus Holz – immerhin, doch der Rest wollte einfach nicht folgen.
Ambrosia tat sich genauso schwer. Ihr Haarknoten hatte bereits begonnen, sich aufzulösen und eine lose Strähne hing ihr – ganz uncharakteristisch – ins Gesicht. Hektisch pustete sie diese immer wieder fort, während sie ihre Pillendose verformte, anstatt sie zu verwandeln.
Evelyn war beinahe fertig. Ihre Dose war aus Holz – hatte allerdings noch an den Rändern eine Metalleinfassung, die sie wegbekommen musste. Marygold sah trotzdem ein wenig neidisch auf Evelyns Arbeitsstück, denn immerhin sah es gut aus. Ihre eigene Dose sah auf den ersten Blick aus wie Holz – aber sobald man sie anfasste, spürte man, dass sie nur das Aussehen verändert hatte.
„Gibt es einen Trick?“, Wisperte sie Evelyn zu, doch diese zuckte nur mit den Schultern.
„Nein – du hast den Dreh noch nicht raus. Versuch es weiter!“
Am Ende der Stunde hatte nur Evelyn es geschafft. Marygolds Dose war zumindest zum Teil aus Holz, lediglich der Deckel sah nur nach Holz aus – leider war das Magister Pumpernickel doch aufgefallen, als er ihre Dose hochgehoben hatte. Marygolds einziger Trost war, dass die Jungs auch kaum besser dastanden. Ambrosias Dose bekam die schlechteste Note und sie war entsprechend schlecht gelaunt, als sie zum Zaubertränke Pavillion hinübergingen. Der erste Schultag nach den Ferien hatte es also gleich in sich gehabt – und es sollte den ganzen Januar hindurch so weitergehen.